Alice
~Ruhe
Alice lehnt noch immer an der Wand, als er das Zimmer betritt. Sie sieht nicht auf, rührt sich nicht und hat jedes Zeitgefühl verloren. Sie weiß nicht wie lange es her ist seit sie sie weggestoßen hat, seit sie hier sitzt und an nichts denkt.
Sie ist so ruhig wie schon lange nicht mehr. Sie ignoriert alles und lehnt einfach nur mit geschlossenen Augen an der Wand, ohne zu wissen, dass er sie von draußen die ganze Zeit beobachtet hat.
Er hat die ganzen drei Nächte, die sie hier einfach nur gelegen und geschlafen hatte neben ihr gewacht und sie beobachtet. Er hat jede ihrer Bewegungen einstudiert und beobachtet als wäre sie ein besonders interessantes wissenschaftliches Phänomen. Für ihn war sie das.
Er braucht keinen Schlaf, nur ab und zu etwas Ruhe und diese fand er immer wenn er sie beobachten konnte.
Er hat sie von draußen beobachtet, durch ein Loch in der Tür, das sie nicht sehen konnte. Er hat sie beobachtet während sie alles zerstört hat und schließlich zwischen den Trümmern zusammengebrochen ist. Er hat gesehen als sie gegen sie gekämpft hat und gewonnen hat und es hat ihn stolz gemacht.
Es hat ihm gezeigt, dass nicht alles verloren ist, dass sie eine Chance haben. Eine Chance, die sie ihnen gibt.
Langsam geht er auf sie zu, beobachtet wie sich ihr Brustkorb hebt und senkt und weiß sie hört ihn.
Er kann nicht sagen warum, nur dass sie es tut. Es ist eine leichte Spannung in sie getreten, die immer da ist wenn sie wach ist, wenn sie etwas spürt. Nur im Schlaf verschwindet sie manchmal, doch nicht immer.
Er kann sehen, dass sie weiß, dass er kommt, also versucht er nicht leise zu sein.
Der Tisch ist umgeworfen, also stellt er das Tablett vor ihr auf dem Boden ab und lässt sich ganz langsam auf die Knie nieder.
Er ist auf Augenhöhe mit Alice als sie ihre öffnet und ihn ansieht. Er erkennt keine Angst in ihr, nur einen Zwiespalt, der hinter diesen großen, traurigen Augen schon seit Anbeginn der Zeit herrscht. Seit sie das gesehen hatte, was kein Mensch vor ihr gesehen hatte.
Alice legt den Kopf schief und mustert ihn.
Ihre Augen wandern von seinen nackten Füßen, über seinen feingliedrigen Körper mit einer Haut, die einen leichten grünen Schimmer wirft wenn das Licht von der richten Stelle darauf trifft. Sie mustert seine verkratzten Arme mit den dünnen hellen Narben, die sich auf den Innenseiten über seine Haut ziehen und sie verfolgt sie langsam mit den Fingern, die so nahe über sie streichen wie es nur geht ohne sie zu berühren.
Die Luft knistert wo sie zu nahe an ihm ist, doch es ist ihr egal. Sie fährt sie langsam entlang bis zu seinem Hals.
Ein schwarzer Kragenansatz zieht sich in Form eine schwarze Tätowierung über die Seiten seines Halses und verschwindet schließlich hinter seinen Schultern in dem schäbigen braunen Pullover mit den hochgekrempelten Ärmeln, den er trägt.
Ihre Augen wandern weiter nach oben, über die schön geschwungenen mattapfelgrünen Lippen, die an ihm so normal und unendlich weich aussehen, über das zottelige Haar, das nicht nur aussieht sondern auch knistert und raschelt wie Laub wenn der den Kopf bewegt um sie besser ansehen zu können und aus dem zwei spitz zulaufende Ohren hervorlugen.
Sie bleibt schließlich bei seinen Augen hängen, so warm und golden wie Blätter, die in der Herbstsonne glänzen.
Langsam hebt Alice den Arm, fast so, als habe sie Angst er würde verschwinden wenn sie zu schnelle Bewegungen machen würde, doch er sieht sie nur an und lässt es geschehen.
Lässt ihre Finger über seine Wange streichen, deren Haut sich anfühlt wie die Oberfläche eines Blattes, lässt sie hoch wandern zu seinem Haar, das sich anfühlt wie frisches Gras im Frühling.
Er lässt es geschehen als sie ihre Hand zurückzieht und ihn einfach nur ansieht.
„Du bist wirklich hier“, stellt sie fest und ihre Stimme klingt kratzig und heiser, weil sie Taglang nur geschrieen hat.
„Ja“, sagt er und sie nickt. Ihr Blick wandert zu dem Tablett, das er ihr hinschiebt.
„Ich dachte du hast Hunger.“
Alice schüttelt den Kopf, aber er weiß, dass ihr Magen sich schmerzhaft verknotet bei dem Anblick des Essens, Salat aus seinem Garten, Toffee aus seinem Vorrat und auch Kuchen, den es hat backen lassen. Es hat ihm gesagt, er solle es ihr bringen, also hatte er es getan.
Alice schluckt und will etwas sagen, doch sie braucht zwei Ansätze bis ihre Stimme halbwegs normal klingt. Sie hat Probleme sich genug zu konzentrieren, denn das Essen lenkt sie ab.
Seine Gegenwart verwirrt sie. Sie kennt ihn, er saß an ihrem Fenster und hat sie beobachtet so wie er es jetzt tut mit seinen seltsamen gelben Augen.
Sie öffnet wieder den Mund und diesmal schafft sie es zu fragen. „Wo bin ich?“
„Zurück“, sagt er wie selbstverständig und legt den Kopf schief.
„Zurück wo?“ Ihre Stimme zittert und sie befürchtet die Antwort zu kennen.
„Am Eingang.“
„Welchem Eingang?“ Diesmal kennt sie die Antwort sicher. Sie will sie nicht hören. Sie will zurückkehren in die Ruhe aus der sie kam.
„Zum Kaninchenbau.“