Alice
~Sprung
Es kommt einmal der Zeitpunkt,
wenn du alles infrage Stellst. Jede Wahrheit, oder das, was du für die Wahrheit
gehalten hast, sich als falsch heraus stellt, jede Lüge zur Wahrheit wird und
der Wahnsinn sich als Verstand heraus stellt.
Wenn du die Welt verlässt, die du kennst, die du hasst und die dich fast
zerstört hätte. Eine Welt in der man dich für verrückt hielt, weil du die
Einzige warst, die die Wahrheit erkannt hat und sie ausgesprochen hat.
Die Wahrheit kann eine gemeine Sache sein und nicht jeder will sie hören, nicht
jeder kann sie glauben, nicht jeder will sie glauben.
Wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist und du in die Tiefe starrst, deren
Dunkelheit zu leben scheint, fragst du dich unwillkürlich warum gerade du.
Warum kannst nicht gerade du ein normales Leben führen, mit deinen Eltern,
deiner Katze, Schule und Freunden? Warum musste es gerade dir passieren und
warum musstest gerade du danach so naiv sein und es deinen Eltern erzählen, die
über dich lachten?
Warum bist du damals sauer geworden und hast sie angeschrieen? Warum warst du
es, die sich danach von allem zurückgezogen hat und warum musstest du es sein,
die schreiend jede Nacht aufwachte, weil sie von den Wundern und Schrecken der
Vergangenheit geträumt hat?
Und jedes Mal musstest du dir anhören, wie albern du bist und kindisch und viel
zu alt für solche Phantasien.
Du hasst es so gehasst, du hast dein Leben so gehasst, dass du beschlossen hast
es zu beenden und zurück zu kehren an den Ort, an dem du das einzig normale in
einer Welt der Verrücktheit warst.
Aber sie haben es verhindert. Deine Mutter hat dich gefunden, als du leblos auf
dem Boden lagst und sie holten dich zurück. Sie rissen dich zurück ins Leben,
aber in ein anderes, als das das du kanntest.
Sie zogen dich weiß an, erzählten dir du wärst krank und steckten dich in ein
weißes, weißes Zimmer, das nur ein vergittertes Fenster hatte und eine Tür, die
sich nur von Außen abschließen ließ.
Deine Mutter weinte, dein Vater starrte dich an und du schriest. Du schriest,
schriest, schriest dir die Seele aus dem Leib.
Bis sie dir Medikamente gaben. Immer mehr, immer stärkere und es war ihnen
egal, das du davon krank wurdest, du bekamst immer mehr.
Sie sagten dir du seiest krank, dass alles was du ihnen erzähltest Lügen wären
und dein Kopf nicht richtig wäre. Du hättest Wahnvorstellungen und
Suizidgedanken und tief sitzende Ängste vor dem Verlassen werden und wolltest
deshalb einfach ein Kind bleiben.
Aber du warst doch ein Kind, du bist es noch. Du warst gerade zehn Jahre alt,
als sie dir dein Leben nahmen und dich in den Wahnsinn zwangen.
Krankkrank. Du bist krank. Menschen müssen vor dir geschützt werden, denn du
bist krank. Immer und immerimmer wieder haben sie es dir gesagt bist du es
geglaubt hast.
Und dann kamen sie und sagten dir, du seist es nicht.
Du glaubst niemanden mehr, du verlässt dich nur noch auf dich und dein Gefühl
bis du dir sicher sein kannst, dass es stimmt was man zu dir sagt.
Wahrheiten sind Lügen und Lügen entsprechen der Wahrheit. Eine verdrehte Welt
mit verdrehten Wahrheiten.
Die Realität ist nicht halb so real wie du immer gedacht hast.
Und nun stehst du hier, atmest Dunkelheit ein und fragst dich was dich hierher
gebracht hat und warum gerade du?
Warum bist du es, die hier steht, in einem schwarzen, schwarzen Kleid, das dir
gerade bis zu den Knien reicht und dem Kostüm eine Ballerina so ähnlich sieht?
Du fühlst dich wie eine Ballerina, eine Tänzerin, die du eigentlich hättest werden
wollen, wenn sie dich nicht eingesperrt hätten. Eine Ballerina auf dem Weg zu
ihrer eigenen Beerdigung. Vielleicht ist das sogar wahr. Vielleicht wirst du
sterben. Vielleicht wirst du auch nur wahnsinnig. Du kannst nicht entscheiden
was schlimmer wäre.
Du blickst an deinem schwarzen, schwarzen Kleid herab und spielst mit dem
leichten Tüllrock, der traurig an dir herunter hängt.
Du hast dich geweigert je wieder etwas Helles zu tragen, nie mehr weiß, nie
mehr Wahnsinn. Oder vielleicht doch? Vielleicht ist die Tatsache, dass du
gerade jetzt hier stehst der Beweis.
Aber etwas an dieser Idee, dieser neuen Wahrheit hat sich verändert.
Es ist dir egal. Es kümmert dich nicht ob du verrückt bist oder nicht und das
macht dich frei. Wenn du verrückt bist, dann ist es doch sowieso egal, nicht
wahr? Dann kannst du ebenso gut springen und ihnen helfen.
Was kümmert es dich? Ist es letztlich nicht etwas anderes, das zählt? Hoffnung?
Du richtest deinen Blick wieder nach vorne, weg von deinen Beinen, die in einer
zerrissenen Strumpfhose stecken, weg von den blanken Füßen, die nur durch
zusätzliche alte Socken von dem Boden getrennt werden.
Zurück in die Dunkelheit, das schwarze Loch, das vor dir liegt.
Alles um dich herum ist ruhig, doch du weißt, dass sie hinter dir stehen und
sich nicht trauen sich zu rühren, aus Angst dich zu verschrecken.
Aber du hast keine Angst mehr. Du bist jenseits jeder Angst, jedes Wahnsinns,
jeder Frage von Wahrheit und Lüge. Du stehst hier und fragst dich nur warum du
so lange auf diesen Moment der Freiheit warten musstest.
Du streichst dein Haar hinter deine Schultern, doch es fällt fast sofort wieder
nach vorne. Es ringelt sich in wirren Locken um deine Schultern und du
beschließt es weiter wachsen zu lassen. Ganz lang, länger als sie es dir in dem
weißen, weißen Haus erlaubt haben.
Du lachst wenn du an Schwester Marie denkst, die es dir schneiden wollte, einen
Tag nachdem sie zu einer toten Puppe in einem roten Teich wurde.
Lange Haare, nie mehr weiß, ist es das nicht wert?
Die Schwärze vor dir bewegt sich und du seufzt. Sie lebt und atmet und wartet
nur auf dich. Aber du bist bereit.
Du berührst das Messer an dem schwarzen Band um deine Talje und das Armband mit
den bunten Plastikperlen, das er dir geschenkt hat um dich aufzumuntern,
nachdem du gesagt hast du würdest ihnen helfen. Du liebst es. Nicht eine Perle
ist weiß.
Die Zeit steht nicht still, sie läuft immer weiter. Besser als jetzt wird es
nicht, die Zeit ändert nichts außer du änderst es.
Und du springst.