Die Herrin Avalons

 

Avalon. Der Nebel um die heilige Insel verdichtete sich immer mehr, Aourell wusste es, sie spürte es tief in ihrem Inneren und es schmerzte sie.

Ihre Arme hingen lose an ihren Seiten herab und sie starrte hinaus auf die Weiten des Wassers. In ihr herrschte Kälte und eine eisige Hand schien sich um ihren zarten Hals gelegt zu haben um ihr langsam die süße Luft abzuschnüren.

Bald. Es würde nicht mehr lange dauern und Avalon würde in den Nebeln versinken, für immer vergessen.

All seine Schönheit, Reinheit und Magie. Die heilige Insel und seine Göttin würden vergessen, seine Töchter verloren. Verloren in der Welt der Christen.

Sie würde nicht mehr existieren, außer in Legenden und Märchen.

Es erfüllte sie mit Trauer, doch Aourell wusste, dass es nicht zu verhindern war. Karolina, die älteste Tochter der heiligen Insel, war tot und mir ihr versank Avalon immer weiter im Nebel der Vergessenheit.
Aourell schloss die Augen und atmete tief ein. Die Luft war frisch und kühl, es war noch früh am Morgen. Die Natur erwachte gerade erst zu neuem Leben, doch sie war schon seit Stunden wach, hatte eigentlich nie richtig geschlafen. Sie war ruhelos seit ihre Schwester Karolina vor einigen Tagen ihre Augen für immer geschlossen hatte. Sie sah sie noch vor sich, ihre langen seidig glänzenden schwarzen Haare, die blasse Haut und die unnatürliche Schönheit, die sie ausstrahlte und um die sie sie immer beneidet hatte.

Sie wirkte noch blasser und schöner denn je wie sie da auf dem Totenbett lag. So jung. So Unschuldig.

Es war der Tag ihrer Weihe gewesen an dem sie den Platz als neue Herrin der Insel hätte antreten sollen. Sie war die älteste lebende Tochter Avalons gewesen und somit wäre es ihre Pflicht gewesen, ihr Privileg, auch wenn sie es nie als ein solches angesehen hatte.

Cesair, Ryannah und Gwynith waren gestorben bevor sie ihren Platz als Hohepriesterin antreten konnten. Karolina war die nächste in der Reihe gewesen.

Sie hatte ihr Leben Avalon gewidmet und war daran zu Grunde gegangen.
Aourell schluckte und versuchte die heißen Tränen zu unterdrücken, die in ihr hoch stiegen, doch sie konnte nicht verhindern, dass sie flossen. Sie dachte an jene sternlose, stürmische Nacht vor einigen Tagen, die ihr wie Wochen erschienen, zurück und an den dunklen Fremden, der an ihre Tore geklopft hatte.

Ihre Hände zitterten. Hätten sie ihn nur nicht hereingelassen, ihn eingeladen zu bleiben bis der Sturm vorüber war. Er sagte er wäre auf der Suche nach jemanden und würde nicht lange bleiben. Doch diese Nacht hatte gereicht um ihr alles zu nehmen.

Sie sah noch immer die beiden verräterischen roten Male auf Karolinas weißem Hals vor sich und ihr wurde schlecht bei dem Wissen, dass ihre Schwester nicht in der heiligen Erde Avalons begraben lag.

Sie war weit fort von hier, im dem Boden der Christen begraben. Wahrscheinlich war sie nicht einmal mehr begraben.

Aourell tat das Herz weh wenn sie daran dachte, dass Karolina zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon wieder auf Erden wandelte. Nicht lebendig und nicht tot, verdammt ein Geschöpf der Nacht zu sein, nie mehr die Wärme der Sonne oder die Magie Avalons zu spüren. Sie verfluchte den Mann, der sich ihnen als Padraig vorgestellt hatte und ihr ihre Schwester genommen hatte.

„Oh Karolina, was soll ich ohne dich nur tun? Ich bin nicht bereit hierfür.“

Ihre leisen Worte gingen in der Brandung unter, doch selbst wenn nicht, sie wusste es würde keinen Sinn haben. Traurig beobachtete sie den wallenden Nebel, der Avalon an trüben Tagen wie diesem schon vom Festland trennte.

Es würde noch dauern bis er die Insel für immer verschlingen würde, sie würde es gewiss nicht mehr miterleben, doch der Schatten ihres Untergangs lag über ihr wie eine erdrückende zweite Haut.

Ihre Welt war am aussterben, der Glaube an die Göttin verblasste und wurde ersetzt durch das Bildnis eines Gottes, der niemanden neben sich duldete.

Avalons Töchter verschwanden langsam, mit jeder Generation wurden weniger Babys geboren, weniger Mädchen, die ihren Platz als Hohepriesterinnen Avalons antreten konnten.

Cesair, Ryannah, Gwynith und Karolina. Wie viele Schwestern musste sie noch zu Grabe tragen? Was musste sie noch opfern?

Die ersten Sonnenstrahlen seit Tagen brachen durch die dichte Wolkendecke und wärmten ihr Gesicht. Ihre Tränen waren getrocknet und doch würden sie nie vergessen.

Hinter ihr regte sich das erste Leben des Tages und sie schluckte all ihr Leid und ihren Schmerz hinunter. Dafür gab es keinen Platz in ihrem Leben. Sie drehte dem so still wirkenden Wasser ihren Rücken zu und schritt langsam durch das taunasse Gras.

Es wurde Zeit für sie zurück zu kehren und Karolinas Stelle einzunehmen. Sie war die älteste Tochter, die Herrin Avalons.