Außerhalb des dritten Stock
Ich war elf Jahre alt, als der Krebs festgestellt wurde. Leukämie noch dazu. Hätte es nicht irgendeine spannende, seltene Art des Krebses sein können? Irgendeine Art, die mich eher zu etwas besonderem gemacht hätte oder die schneller vorangeschritten wäre und gar nicht erst diese kleine, lausige Hoffnung, dass ich irgendwann „gesund“ sein und ein „normales“ Leben führten könnte, zuließe? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wie ich diesen Spruch hasse. Wie ich es hasse, dass er stimmt.
Aber Hoffnung geht in verschiedene Richtungen. Meine Eltern hoffen auf Heilung, aber ich hoffe auf einen schnelleren Tod, damit ich mein kahles Bild im Spiegel nicht weiter ertragen muss.
Zwölf Jahre reichen. Ich will nicht mehr. Ich habe aufgegeben und die Ärzte wissen es. Wofür leben, wenn man außerhalb der Krankheit kein Leben hat?
Ich konnte nie ein Leben entwickeln, jedes Mal, wenn ich es versuchte kam ein erneuter Krankenhausaufenthalt dazwischen. Irgendwann habe ich es aufgegeben und seitdem geht es rapide bergab.
Ich hoffe, dass das Ende bald da ist und auch nicht. Vorher habe ich noch etwas zu erledigen.
Vor einem Jahr habe ich mich auf die Liste eintragen lassen und seitdem ist es der einzige Grund für mich weiter zu machen. Der einzige.
Ich muss einen anderen Menschen sterben sehen. Einen anderen Menschen als mich, einen anderen als all die zusammengesackten wandelnden Toten auf der Krebsstation, die mehr mein zu Hause ist, als es das Haus meiner Eltern je sein könnte.
Seit einem Jahr stehe ich auf der Liste um eine Hinrichtung zu sehen. Ich will einem Menschen in die Augen sehen, der genauso wenig Hoffnung hat wie ich, der jedoch ein leben hatte, Entscheidungen treffen konnte. Gelebt hat.
Ich muss mich selbst daran erinnern, dass auch außerhalb des dritten Stockes Leid herrscht und diesen letzten kleinen Teil von mir dazu bringen aufzugeben. Der Tod ist unvermeidlich und er existiert nicht nur hier.
Der Tod lebt nicht nur von der Krebsstation, er hat viele Gesichter und das muss ich mir selbst beweisen.
Deshalb muss ich in das Gesicht eines Anderen blicken wenn er seine letzten Atemzüge nimmt.
Ich muss mir beweisen, dass jeder am Ende alles verliert, egal wie viel oder wie wenig er besessen hat.