Der Tag an dem die Fische fliegen lernten

 

Der Tag an dem die Fische fliegen lernten war ein Mittwoch. Es war der dritte Mittwoch im Juli und es war kein besonderer Tag.
Es hat geregnet, was das Ganze vielleicht ein bisschen logischer machte. Die Tage vorher waren warm gewesen, geradezu erdrückend heiß. Die Hitze hatte sich über Wochen aufgestaut und an diesem Mittwoch entlud sich alles in einem donnernden Gewitter. Die Straßen dampften und zischten als der erste Regen darauf fielen. Überall hingen Dampfschwaden, die unglaublich warm waren. Trotz der dicken Tropfen, die vom Himmel vielen schwitzten wir und unser Schweiß vermischte sich mit dem Wasser, dass wie Wasserfälle auf uns nieder stürze. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen und so nahmen wir die ersten Fische vielleicht gar nicht wahr.
Wir hatten uns unter das Vordach eines kleinen Lebensmittelladens, den es wohl nur noch in kleinen Städten wie der unseren gibt, gestellt, von dem wir glaubten, dass es den Massen an Wasser stand halten konnte. Unsere Füße waren nackt so wie unsere Beine. Die meisten hatten nicht mehr als T-Shirts und Shorts an, manche trugen auch nur Badesachen. Wie gesagt, es war sehr heiß gewesen, zu heiß für andere Kleidung. Hätten die Erwachsenen es uns erlaubt, hätten wir vielleicht gar nichts getragen. Wir waren in jenem Alter, in dem das Nackt-Sein noch völlig ohne Bedeutung und dafür voller Unschuld war.
Wir hielten uns an den Balken fest, die das Dach stützten, aus Furcht, dass die Flut uns davon tragen konnte. Vor allem die Jüngeren und Kleineren unter uns klammerten sich daran fest, als hinge ihr Leben davon ab. In gewisser Weise glaubten sie sowohl wie wir auch daran, dass es so war.
Ich kann nicht sagen wie viele es waren oder wann die Ersten auftauchten, nicht mal wann uns die ersten von ihnen auffielen. Keiner von uns sagte ein Wort. Wir standen nur da, klammerten uns fest und starrten in den Regen, jeder versunken in seine eigene Welt. Sogar die Kleinen heiligten diese Momente der Stille und wirkten nicht weniger versonnen.
Sie waren schwer zu erkennen, als sie kamen. Das Rauschen verhinderte, dass wir irgendetwas außer dem Regen hörten, deshalb kann ich nicht sagen, was für ein Geräusch sie beim Fliegen machten. Selbst wenn wir etwas hätten sagen wollen, dann hätten wir schreien müssen. Wobei ich noch heute glaube, dass selbst ein Schrei vom Regen verschlungen worden wäre.
Mein bester Freund war der Erste, der sie sah. Nur durch Zufall sah ich ihn an und entdeckte, dass er mit aufgerissenen Augen und einem O anstelle eines Mundes in die Luft starrte. Sein Arm wanderte langsam in die Luft, als müsse er dagegen ankämpfen ihn trotz des tosenden Wassers über und um uns herum, anheben zu können. Dass er diese Mühe auf sich nahm, ließ mich seinem Blick folgen.
Zuerst sah ich sie nicht. Sie bewegten sich unglaublich schnell, wie schimmernde Blitze. Ihre Schuppen glänzten, als würden sie direkt unter der Wasseroberfläche von der Sonne angestrahlt. Doch die Sonne war verborgen unter den dicksten Wolken, die ich je in meinem Leben gesehen hatte und bis heute gesehen habe.
Sie hatten einen goldenen Schimmer, was es etwas leichter machte sie in der regengrauen Welt zu erkennen und auszumachen wie sie hin und her zischten. Mal flogen sie höher, mal tiefer. Hatte man den ersten erst erkannt, war es leicht die anderen auszumachen. Nach und nach sah jeder in unserer kleinen Gruppe die Fische. Münder formten sich zu Os wie bei meinem besten Freund und mehr und mehr Arme wanderten in die Höhe um auf das Spektakel zu zeigen. Niemand außer uns war auf der Straße und so zeigten wir nur für uns.
Sie hatten keine Flügel, zumindest keine die man erkennen konnte. Es sah aus als würden sie schwimmen. In der Luft oder in dem Wasser, zu dem unsere Luft geworden war. Es fiel uns auch ohne die Fisch, die uns von den Grundfunktionen unseres Körpers ablenkten, schwer genug zu atmen.
Die Fische schwammen durch die Luft, als wäre es das Meer und als hätten sie nie etwas anderes getan.
Sie huschten hin und her, verschwanden in Baumwipfeln und hinter Hausdächern. Nie konnte man einen Fisch lange genug beobachten oder folgen. Die undurchdringliche Regenwand verhinderte es ebenso wie ihre flinken Bewegungen. Es war als wolle man Lichtstrahlen mit den Augen verfolgen, sie waren einfach zu schnell.
Sie zischten hin und her, nah genug, dass wir glaubten sie berühren zu können und doch zu fern um es tatsächlich zu schaffen, falls man es versucht hätte. Nicht einer von uns versuchte es. Alles was wir tun konnten, war dastehen und staunen und beobachten wie sie durch den Regen tauchten. Manche in Schwärmen, manche alleine. Sie schillerten in allen Farben des Regenbogens und manche in Farben, für die wir Menschen keine Namen haben. Wir waren so fasziniert von dem Schauspiel, dass wir nicht bemerkten, wie sie mit dem nachlassenden Regen immer weniger wurden. Immer weniger Farbblitze, die durch die Nässe zuckten und plötzlich war alles vorbei.
Wir konnten wieder atmen. Die Luft bestand aus Luft und nicht aus Wasser, der Himmel klarte auf und die Wolken verschwanden. Das Wasser lief langsam ab und hinterließ nur Pfützen auf den Straßen. Pfützen und zappelnde graue Fische, die ihre Farbe verloren hatten und uns obszön nackt vorkamen. Sie flogen nicht mehr, sie zappelten und zuckten eine Zeit lang bis sie aufgaben und sich ihrem Schicksal ergaben, dass sie nie wieder fliegen oder schwimmen würden.
Leblose, tote Dinge ohne jeden Zauber. Denn war es das nicht gewesen, ein Zauber, der sie hatte fliegen lassen?
Bis heute sagen die Älteren, das Meer hätte die Fische ins Dorf getragen. Der Sturm hätte die Wellen so hoch und so kräftig gemacht, dass er die Fische vom Meer ins Dorf getragen hatte. Jeden noch so hartnäckigen Protest unserer Seite, schmetterten sie nieder und beharrten darauf, dass es das Meer gewesen wäre. Aber so war es nicht und wir wissen es. Die Fische sind an diesem einen Tag geflogen und es wird der Tag kommen an dem sie es wieder tun werden.
Und vielleicht werden es diesmal meine Kinder sehen und mit O-Mündern bestaunen und wenn sie mir davon erzählen werden ich langsam seufzen und mit dem Kopf schütteln und ihnen sagen, dass Fische nicht fliegen können. Sie werden mich enttäuscht ansehen, vielleicht sogar schreien und mit dem Fuß aufstampfend auf ihr Recht beharren doch sie werden mir früher oder später glauben und über sich selbst lachen. Und doch werden sie wie ich jedesmal ein bisschen langsamer gehen, wenn sie an einem Gewässer vorbei gehen und ohne Schirm durch den Regen laufen. Mit in den Nacken gelegten Kopf in den nassen Himmel starrend und unbewusst darauf wartend, einen leichten Schimmer im Augenwinkel wahrzunehmen. An einem Tag an dem die Fische fliegen.