Schuld

 

Ich dachte es würde sich anders anfühlen. Schlechter. Ich dachte ich würde mich danach schlechter fühlen, als hätte ich etwas wirklich, wirklich schlimmes getan.
Ich weiß noch als ich sieben war. Meine Mutter hatte eine Sammlung von Porzellandackel, die sie abgöttisch liebte. Damals dachte ich sogar manchmal, dass sie die Dackel mehr liebte als mich. Ich war eifersüchtig auf Porzellandackel. Sie verbot mir immer mit ihnen zu spielen. Für eine Siebenjährige ist so ein Verbot ein größerer Anreiz als alles, was man sich sonst vorstellen kann. Der Reiz des Verbotenen. Eines Tages ging sie zu unseren Nachbarn, weil sie Mehl zum backen brauchte. Ich beobachtete sie vom Fenster aus, wie sie dastand und mit der Frau unseres Nachbarn redete. Sie lachten zusammen und deuteten die Straße entlang. Ich sah, dass es noch länger dauern würde und schlich mich zu ihrer Vitrine und nahm einen der Dackel heraus. Er war aus Kristall und wunderschön. Er glitzerte wenn man ihn ins Licht hielt und die Sonne brach sich darin und warf kleine Regenbogen an die Wand.
Ich war noch zu klein um an das obere Regal zu kommen und musste mich strecken. Ich berührte ihn gerade mit den Fingern als ich ein Geräusch hinter mir hörte und erschrak. Ich blieb hängen und riss unter den Augen meiner Mutter die Hälfte ihrer heiligen Dackelsammlung in die Tiefe. Sie zersprangen auf dem Boden in tausende von kleinen Teilen, überall lagen Scherben. Meine Mutter schrie nicht, sie sah mich nur an mit diesen großen enttäuschten Augen, voller Verachtung. Sie sagte kein Wort, ging nur an mir vorbei, holte Schaufel und Besen und fing an die Scherben wegzuräumen und in den Müll zu werfen.
Ich fühlte mich furchtbar und weinte tagelang.
Heute habe ich nicht geweint. Nicht als ich in die Klinik gefahren bin, nicht als ich auf dem Stuhl saß und sie anfingen es aus mir zu holen und nicht als ich zurück nach Hause gefahren bin. Ich bin nach Hause, habe mir ein Glas Wein eingeschenkt und mit in eine Decke auf die Couch gelegt so wie ich es jeden Abend tue. Als wäre nichts passiert, als hätte ich heute kein Leben weggeworfen.
Ich fühle mich nicht anders als gestern. Nicht leerer, nicht so als würde etwas fehlen. Nicht so als hätte man etwas aus mir heraus geschnitten. Etwas Lebendiges. Nicht so, als hätte ich etwas getötet.
Vielleicht wäre es ein Mädchen gewesen. Ein kleines Mädchen mit blonden Locken so wie meine, mit großen blauen Augen. Vielleicht.
Ich werde es nie erfahren.
Der Wein schmeckt genauso süß wie sonst auch, das Fernsehprogramm ist dasselbe wie jeden Mittwochabend und die Pasta meines Lieblingsitalieners schmeckt auch nicht anders. Ich weiß nicht warum es mich überrascht, dass sich nichts geändert hat. Man sollte meinen, dass sich etwas ändert wenn man ein Leben beendet, oder nicht?
Ich nippe an meinem Wein und lasse mich von irgendeiner Seifenoper berieseln ohne den Inhalt wirklich mitzubekommen und frage mich ob ich ein schlechter Mensch bin, weil es mich mehr berührt, dass ich mich nicht schlecht fühle, als Schuldgefühle zu haben weil ich heute mein Baby getötet habe.